Werke bis 1794  2




Im folgenden Ausschnitt muss Heinrich George als Stadtmusikant schon sein ganzes schauspielerisches Können aufbieten, um Millers schwankende Haltung zwischen Aufbegehren und von Schiller verordneter Selbstbeherrschung glaubwürdig darzustellen. Horst Caspar spielt in der Szene den Ferdinand, Gerda Maria Terno die Luise, Walter Süssenguth den Präsidenten. Die Aufnahme stammt von 1943:


>>>O-TON: "Er ist der Vater? ..."


Die Unwahrscheinlichkeiten der Handlung lassen sich dabei als raffinierte Tarnmanöver deuten, ohne die - wenigstens auf der Bühne - die Doktrin der prinzipiellen Trennung von Adel und Bürgertum schlichtweg zusammenbräche. Wobei deutlich wird, wie wenig es im Grunde bedürfte, die Umstände nachhaltig zu verändern.

 

Auch in "Kabale und Liebe" geizt der Jungdramatiker nicht mit theatralischen Coups, Brieftintrigen und Mordabsichten. Verändert hat sich jedoch Schillers Bühnensprache. Sie ist vielschichtiger geworden, individueller - der Bürger hat sein Idiom wie der Adelige -; vor allem aber fasziniert die brüchige Sprache der Liebe, die Schiller Luise und Ferdinand in den Mund legt. Virtuos, wie er sie trotz emotionaler Verbundenheit standesgemäß aneinander vorbei reden lässt.


>>>O-TON: "Du bist blaß, Luise?"


Das Theaterpublikum hat Schilles dramatisches Gerechtigkeitsgefühl nicht immer zu schätzen gewusst. Regisseure wie Fritz Kortner (München 1965), Peter Stein (Bremen ´67) oder Hans Hollmann (Berlin ´69), die in ihren Inszenierungen auch die Dialektik bürgerlicher Emanzipation betonten, riefen beim Publikum gespaltene Reaktionen hervor. Zum überragenden Publikumserfolg wurde Ernst Lothars - in der Kritik bürgerlicher Selbstwidersprüche gemilderte - Salzburger Inszenierung von 1959 mit Maria Schell und Will Quadflieg sowie einem beeindruckenden Erich Ponto als Kammerdiener.

 

In jüngeren Inszenierungen, etwa der von Michael Thalheimer am Thalia-Theater 2002, ist die Ständeproblematik fast vollkommen zurückgetreten - zugunsten einer allgemeinen Darstellung moderner Beziehungslosigkeit. (Und natürlich lässt die Vorlage auch diesen generalisierenden Zugang zu.)



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