Werke bis 1794  4




Ungleich desillusionierter klingt Gustaf Gründgens als König Philipp in einem Premierenmitschnitt aus dem Hamburger Schauspielhaus von 1962. Es war Gründgens' letzte Rolle; der Auftritt mit Quadflieg galt ihm als einer seiner besten, während Kritiker ihn als einen seiner schlechtesten, als textraschelnde Stadttheaterprobe verspotteten:

 

Posas Forderung wird immer wieder als d i e zentrale ,Aussage' des Stücks (und seines Dichters) verstanden. Dabei sind die zwei erwidernden Worte Philipps - Schiller hat in seinen "Briefen über Don Karlos" darauf hingewiesen - mindestens ebenso wichtig wie die zweihundert vorausgehenden Posas; denn Philipp durchschaut die Menschen, wie Posa sie übersieht. - Und genau das hebt Gründgens' in seiner kalkulierten Sprödigkeit hervor.

 

Das Stück aber heißt "Don Karlos". Und in dem ‚wirklichen' Helden kommt die Brüchigkeit der gezeigten Lebens- und Herrschaftsverhältnisse am deutlichsten zum Ausdruck: So in der Liebesgeschichte zwischen Karlos und seiner Stiefmutter, die nicht allein aus Gründen der höfischen Etikette scheitert. So auch in dem Freundschaftsverhältnis zwischen Karlos und Posa, das keiner Probe standhält, weil Karlos unfähig ist, sich als Zweck gebrauchen zu lassen, und Posa zu kurzsichtig, um die aufgewühlte Verfassung des Freundes zu erkennen - und schließlich in der Staatstragödie, in der, damit Flandern nicht die Freiheit erhält, die Hauptpersonen einander die Untergänge bereiten.

 

Nicht nur aus mangelnder Klugheit und fehlender Willenskraft wird Posas Menschheitsbeglückungsplan zuschanden, sondern auch, weil der König selbst ein Gefangener der allmächtigen Inquisition, eine ihrer Marionetten ist - wie sie es im Grunde alle sind: die Idealisten und Realisten, die Liebenden und Schwärmer, die Pläneschmiede und philosophischen Köpfe. Und hierin besteht die wohl düsterste Einsicht des Dramas.



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