Legenden, Lügen  2




- Wer war Schillers schlimmster Feind und kam folglich als sein Mörder in Betracht? Die passende These war schnell gefunden: Goethes Freundschaft zu Schiller war in Wirklichkeit eine kaschierte Rivalität und als der Konkurrent zu mächtig wurde, ließ der Ältere den Jüngeren beseitigen.

 

Ihren Höhepunkt fand diese Argumentationsreihe in dem erstmals 1928 veröffentlichten Buch "Der ungesühnte Frevel an Luther, Lessing und Schiller im Dienste des allmächtigen Baumeisters aller Welten". Die Recherchen der Autorin Mathilde Ludendorff ergaben: Der Freimaurer Goethe habe Schiller durch den Logenbruder Heinrich Voß Gift reichen lassen. Sterbend schon, soll Schiller Goethe am 5. Mai 1805 zum letzten Mal getroffen haben - im "Stadtpark". Ludendorff weiter:

 

Die letzten Worte vernahm ein alter Parkwächter, es waren die Worte Goethes: ‚Die Blumen kehren im Frühling wieder, aber die Menschen nicht.'

 

Nicht nur der Parkwächter muss sehr kurze Beine gehabt haben.

Übrigens dienten nicht alle Schiller-Legenden seiner Verklärung, nicht alle schildern seine Menschenfreundlichkeit, seine reine Geistigkeit, seine Keuschheit in Gedanken, Worten und Werken, seine Duldsamkeit, seine Frömmigkeit, kurz: seine Heiligkeit. Es gab auch die ganz anderen Ansichten, die mit der Wirklichkeit der schillerschen Existenz freilich ebenso wenig zu tun hatten - Ansichten, wie sie zum Beispiel Wilhelm von Kügelgen in einem Brief an seinen Bruder Gerhard vom 15. Januar 1847 äußerte:

 

"Schiller hat einen unangenehmen Character gehabt, ähnlich dem des Tasso in Göthens ‚Tasso', schwach, trotzig, unstät, eifersüchtig, etwas lügnerisch, verliebt und immerfort enthusiastisch, hochmüthig und hochfahrend wo im mindesten der Druck von außen aufhört, unordentlich, unmäßig, scharf und beißig."



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